LGBT in unserer Altstadt – und eine Erinnerung an das Schwulen- und Lesbenzentrum am Frankenbad 5

Erinnert ihr euch noch an das Autohaus Riems neben dem Frankenbad? Dieses wurde vor fünf Jahren abgerissen und an seiner Stelle thront heute ein Neubau samt Penny-Filiale. Das Autohaus als Unternehmen gab es schon lange nicht mehr, die Räumlichkeiten beherbergten allerdings zuletzt das Schwulen- und Lesbenzentrum. Auch wenn dieses nicht so viele Menschen anzog, wie es der Penny heute tut, trug es doch maßgeblich zum sozialen und Nachtleben unserer Altstadt, und gerade in schwul-lesbischer Hinsicht, natürlich auch ganz Bonns und seiner Umgebung bei.

logozentrumMan sagt 1975 wäre sein Anfang gewesen. Zu diesem Zeitpunkt zog das „Zentrum für Kommunikation und Emanzipation“ schwuler Männer aus der Königstraße in die Endenicher Straße 51. Durch Anschluss weiterer, sich ebenfalls in der Endenicher Straße treffenden Gruppen, wie zum Beispiel der des Frauenforums, entstand allmählich das Schwulen- und Lesbenzentrumi, das sich selbst diesen Namen aber erst im Jahre 1990 verlieh.

Immer größer werdend zog 1994 das nur als „Zentrum“ oder „Z.“ bekannte Schwulen- und Lesbenzentrum in das ehemalige Autohaus Riems am Frankenbad 5, wo es sich über die folgenden Jahre zu einer festen Institution unserer Altstadt entwickelte.

2009 musste das Zentrum die geliebten Räumlichkeiten am Frankenbad jedoch verlassen. Es zog in die altstädtische Wolfstraße 5 und meldete nach kurzer Zeit am 15. Oktober 2009 Insolvenz an. Nur zwei Tage später löste es sich nach einer letzten Party auf und hinterließ, neben seiner 35-jährigen Geschichte, viele gute Erinnerungen in den Köpfen seiner Besucher.

„Das Zentrum ist ein Teil meiner eigenen Geschichte”, schwärmt Monika (53). „Hier habe ich so viele aufregende, lustige, langweilige, dramatische und berührende Momente erlebt wie an keinem anderen Ort in Bonn. Und hier habe ich getanzt, getanzt, getanzt!“

Party 2006
Party 2006

Partys waren eine Spezialität des Zentrums, das stimmt. Eine andere waren seine fast täglich wechselnden und weitgehend offenen Geselligkeits- und Barabende. Hannes (41) denkt gern noch an seine mit Martin gemeinsam durchgeführten Thekendienste zurück. Die beiden „Engel“ suchten sich dazu den eher von Männern besuchten Abend am Montag aus. Marco (39), der seit seinem Coming Out das Zentrum besuchte, sagt über den Montagabend: „An diesem Abend kamen alt und jung. Man hat neue Leute und auch alte Bekannte getroffen. Außerdem kam man mit Leuten ins Gespräch, die man eigentlich nur flüchtig kannte. Es gab somit auch für „Neue“ die Möglichkeit, jemanden kennenzulernen und Anschluss zu finden.“ Marco befindet, dass es sehr toll dort war und fügt dem an: „Obwohl es eigentlich sehr unspektakulär war – ein einfacher Raum mit ein paar Möbeln und einer Bar. Das hat es gleichzeitig aber auch ungezwungen und einfach gemacht.“

Der Thekendienst versorgte die Besucher neben der Ausgabe von Getränken auch mit teils einheizender Musik. Es war wie vieles im Zentrum ein reines Ehrenamt.

Ganz in der Tradition der bereits im Jahr 1979 im Frauenbuchladen Nora in der Bornheimer Straße stattfindenden Treffen waren dienstags die Frauen an der Reihe. Den Frauenabend besuchte auch Monika sehr gerne.

Silvester 2008
Silvester 2008

Mittwochs trafen sich die „Hotpänz“ zum Barabend. Die Hotpänz waren die gemischtgeschlechtliche Jugendgruppe des Zentrums. Sie gründete sich 1996 und stellte für sehr viele LGBTii-Jugendliche Bonns und seiner Umgebung eine wichtige erste Anlaufstelle und Bezugspunkt dar.

Im Zusammenhang mit der Arbeit für junge LGBT und den Hotpänz wäre noch das damalige Sorgentelefon des Zentrums zu nennen, das durch besonders ausgebildete, ehrenamtlich Tätige, so auch durch Hannes, betreut wurde.

Weiterhin wurden vom Zentrum auch verschiedene Freizeitaktivitäten und Workshops angeboten. Workshops zum „Coming-Out“, zur „Selbstfindung“ oder einfach nur „Schauspiel“-Workshops. Es gab einen Chor, der sich montags traf und vieles, vieles mehr.

KultZ 2008-2
KultZ 2008

Eine wirklich gut besuchte und letztendlich berühmt gewordene Veranstaltung im Zentrum war das sogenannte KultZ, eine Kultur- und Kleinkunstveranstaltung, die monatlich stattfand und immer zahlreiche Besucher anlockte. Neben teils professionellen Künstlern kamen hier auch talentierte Anfänger auf die Bühne. Vorwiegend waren es Tänzer*innen und Sänger*innen – oft ganz im Zeichen der Travestiekunst – die ihr Bestes gaben. So erinnert sich auch René (30): “Ich habe beim KultZ klein angefangen und meine Auftritte für mich immer weiter ausgebaut. Mein größter Erfolg dort war 2003 der KultZ-Award“. Der KultZ-Award war der Preis für den schönsten Auftritt eines Veranstaltungsabends. Heute tritt René vorwiegend privat auf Geburtstagen, Hochzeiten, Betriebsfesten und an Karneval auf.

Das Zentrum war also voller Leben und prägte so gleichzeitig auch das Leben vieler Bonner und Altstädter. Wie es genau zu seinem Ende kam, soll hier vernachlässigt werden, doch gerade im Zusammenhang mit unserer Altstadt stellt sich die Frage, was genau von diesem Leben, sprich von diesem reichhaltigen und auch notwendigen sozialen Angebot letztendlich übriggeblieben ist.

Marcell Louis

Dieser Beitrag soll eine Übersicht über die Situation und Zufriedenheit von LGBT in unserer Altstadt geben, die gerne noch ergänzt werden darf und auch ergänzt werden sollte. Gleichzeitig möchte ich die Thematik und Problematik zur Diskussion stellen. Meine-Altstadt-Bonn.de möchte den Stadtteil lebendig halten und weiter mit Leben füllen, für alle attraktiver machen, im vollen Einvernehmen. Lasst uns interaktiv gemeinsam auf der Meine-Altstadt-Facebook-Seite diskutieren oder reicht Eure Meinungen hier per Feedback ein! Lasst euch dazu hinreißen, eure Meinungen und konstruktiven Vorschläge mit Hinblick zu einer zufriedenstellenden Lösung in LGBT-Hinsicht und für alle in der Altstadt mitzuteilen!

3 Kommentare

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  • Ich versuche Euch mal telefonisch zu erreichen.
    Eure Meine-Altstadt-Web-Seite und Eure positiven Gedanken zum LGBT-Leben find ich gut. Eure Aussagen zum Zentrum fuer Kommunikation und Emanzipation e.V. in der Endenicher Str. 51 in Bonn und davor ueber die Euch wohl historisch falsch uebermittelten Anfaenge der nicht mal von Euch so genannten “glf-Aktionsgruppe Homosexualitaet Bonn” seit 1972 wuerde ich Euch gerne durch historische Fakten und Dokumente korrigieren. In der Nacht zum 12. Dezember 2015 ist Wolfgang Auhagen im Alter von 76 Jahren gestorben, der als einer der wichtigsten Mitbegruender der ersten offenen Schwulen- und Lesben-Emanzipations- und Aktions(!)-Gruppe nach dem Nazi-Terror, der bis 1972 durch Altnazis in Polizei und Justiz mit Terror und Unterdrueckung weitergewirkt hat.
    Ich erwarte, dass Ihr Eure falschen Darstellungen korrigiert und Respekt vor Wolfgang Auhagen zeigt, der zu Beginn des 2. Weltkriegs am 27.11.1939 (!) geboren wurde und sein schwules Coming Out erst als 30-jaehriger ohne unmittelbare Bedrohung durch Zuchthaus nach aussen zeigen. Und seit 1972 hat er in unvorstellbar vorbildlicher Weise von Anfang an und ueber viele Jahre einen wesentlichen Beitrag zu einer starken und breiten politischen Schwulenbewegung beigetragen, mit einer Kraft, die ich gerade auch rueckblickend unfassbar stark finde. Ein Termin seiner Beerdigung steht noch nicht fest.
    Liebe Gruesse
    Werner Janik-Mehlem
    T:0228-469646, besser mobil:T:0151-6418031 und T:0175-6418031,
    Email: Werner.Janik-Mehlem(AT)t-online.de.

    • Lieber Werner, danke für den Hinweis – der Autor des Artikels hat Dir ja bereits geantwortet. Die Lebensgeschichte von Herrn Auhagen hört sich sehr interessant an, vielleicht möchtest du dazu etwas mehr schreiben, dann würden wir es in diesem Rahmen zusätzlich veröffentlichen. Uns selbst fehlt das historische Hintergrundwissen in diesem Bereich, aber er ist es sicher wert, erzählt zu werden!

      • Wolfgang Auhagen (*27.11.1939) ist in der Nacht zum 12.12.2015 gestorben
        Ein persoenlicher Nachruf
        Im Alter von 76 Jahren ist Wolfgang nach langer schwerer Krankheit in der Nacht zum 12. Dezember 2015
        friedlich eingeschlafen. Ich durfte noch am Freitag, dem 11. Dezember 2015 in seiner Naehe sein.
        Wolfgang Auhagen hatte einen wesentlichen Anteil an der Gruendung der Aktionsgruppe
        Homosexualitaet Bonn im Jahre 1972. Er stellte eine wichtige Bruecke zu den Bonner
        Homosexuellen dar, die – wie er – unter den fuerchterlichen Auswirkungen des Anti-Schwulen-
        Paragraphen 175 zu leiden hatten, der in der von den Nationalsozialisten unter Hitler verschaerften
        Form in der Bundesrepublik unter Kanzler Adenauer nicht nur weiterbestand, sondern exessiv
        angewendet wurde. Schon im ersten Jahr ihres Bestehens hat die glf-AHB (gay liberation front –
        Aktionsgruppe Homosexualitaet Bonn) in ihrer gefuehlten Verantwortung als Schwulengruppe der
        Bundeshauptstadt Bonn eine bundesweit organisierte Plakat- und Unterschriften-Aktion gegen den
        § 175 Strafgesetzbuch in Bonn durchgefuehrt. Das Plakat mit dem “Fleischerhaken” als
        Paragraphen-Symbol (§) hing auch dank Wolfgangs Unterstuetzung an allen Lampenmasten auf
        allen Bruecken im Stadtgebiet Bonn. Der Film von Rosa-von-Praunheim “Nicht der Homosexuelle ist
        pervers, sondern die Situation, in der er lebt” (bzw. leben musste) hat nicht nur zur Gruendung von
        zahlreichen Schwulengruppen in der Bundesrepublik Deutschland gefuehrt, sondern auch zur
        Freisetzung von Energie, die unsere Schwulengruppe und zahlreiche Mitglieder – aus heutiger Sicht –
        ueber Jahre unfassbar stark und vielfaeltig gemacht hat.
        Weitere Eckpunkte waren – neben den PDF-Anlagen – unsere Aktion an Bonner Schulen, die Gruendung
        des ersten Bonner Schwulen-Zentrums in der Endenicher Str. 51, die Bonner Life-Sendung von Carmen
        Thomas an diesem Zentrum und die unsere Ausstellung an der Paedagogischen Hochschule Bonn.
        Wolfgang Auhagen hat seine ganze Lebensenergie seinem Kampf fuer seine und unsere Lebensweisen
        gegeben und dabei seine eigene Existenz bis an die Grenzen riskiert. Er musste bis ueber 10 Jahre fuer
        seine magere Rente als Taxifahrer seinen Lebensabend notduerftig “aufbessern”, obwohl er sein Leben
        lang grosse Leistungen vollbracht hat.
        Danke lieber Wolfgang Auhagen, auch fuer Deine tolle Unterstuetzung in den Herausforderungen “unserer”
        Behoerden zwischen 1972 und 1975, die in anliegenden Dokumenten zum Ausdruck kommen.
        Werner
        Werner Janik-Mehlem
        Ich bin ueber meine Mobil-Tel-Nummern: T:0151-4003 6632 und T:0175-641 80 31, FAX:03222-375 21 30,
        T:0228-46 96 46 und ab 22 Uhr: unter T:0228-469696 erreichbar. Email: Werner.Janik-Mehlem@t-online.de

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