Die Schließung des “SenTaBlu” ist eine Katastrophe für Betroffene

Stricken für die Begegnungsstätte im Blumenhof

P1070765In der letzten Zeit begegnen einem auch in der Bonner Altstadt an einigen Ecken bunt bestrickte Bäume. Doch das was anderswo allein der Verschönerung des öffentlichen Raumes dient, hat in der Altstadt einen ernsten Hintergrund. Die Strickaktion ist ein stiller Protest der Besucher der Seniorenbegegnungsstätte im Blumenhof am Rand der Altstadt. Diese soll zum 1. Juni geschlossen werden – für die Menschen, die sich regelmäßig in der “SenTaBlu” treffen, kommt das einer Katastrophe gleich. Die Alternativstätte befindet sich im Konvent “St. Aegidius und St. Jakob” in der Breitestraße – für viele, die nicht mehr gut zu Fuß oder auf einen Rollator angewiesen sind, ist das unerreichbar. Am Dienstagabend wurde die Schließung im Sozialausschuss der Stadt Bonn wohl endgültig beschlossen – es sei denn, man findet einen anderen Träger. Die Stadt Bonn möchte das Begegnungszentrum nicht weiterführen. Laut Generalanzeiger vom 16. April 2015 aus fachlichen, und nicht wie vorher verlautet wurde, aus finanziellen Gründen.

Von diesen fachlichen Gründen und der gesamten Begegnungsstätte wollte sich Meine Altstadt Bonn mal ein Bild machen und hat den älteren Herrschaften in ihrem “zweiten Wohnzimmer” am Mittwochnachmittag einen kleinen Besuch abgestattet:

P1070792Gelächter dringt durch das Treppenhaus, ein Herr sitzt am Fenster im Flur, raucht und grüßt freundlich. Im großen, einladend gestalteten Raum herrscht geschäftiges Treiben – mittwochs ist die Lebensmittelausgabe der Tafel, die ein Ehrenamtlicher betreut. Ältere Frauen und Männer sitzen an einem großen Tisch, reden, lachen und essen Kuchen. Einige Gesichter kennt man aus der Altstadt, vielen von ihnen leben schon lange im Bonner Norden. Auch ein altstadtbekannter Hund begrüßt einen freudig! Die Gruppe ist buntgemischt, was Alter, Herkunft oder soziale Schicht angeht und genau das macht den Charme der Begegnungsstätte aus. Die Stimmung ist gut – trotz der schlechten Nachrichten aus der Sitzung des Sozialausschusses und der bangen Zukunft – viele haben das Gefühl, die Schließung sei schon vor der Sitzung beschlossene Sache gewesen und nur noch pro Forma behandelt worden.

Lebendige Begegnungsstätte mit buntem Programm für Senioren

P1070787Im Gespräch mit den vielen Besuchern wird eindrucksvoll klar, welch große Bedeutung dieser Ort für sie hat. Er ist tatsächlich so etwas wie ihr zweites Wohnzimmer. Die Begegnungsstätte, die es seit etwa zehn Jahren gibt, ist unter der Woche den ganzen Tag geöffnet, täglich wird gemeinsam zu Mittag gegessen und freitags ist immer ein ausgedehntes Frühstück, um die Woche ausklingen zu lassen. Zum Kaffeeklatsch kostet ein Stück Kuchen 50 Cent, eine Tasse Kaffee 35 Cent – auch wenn viele Besucher und Bewohner aus dem Blumenhof nicht im Geld schwimmen, wollen sie nichts geschenkt haben und der Selbstkostenpreis ermöglicht ihnen ein abwechslungsreiches Angebot. Mittags können die Besucher aus über 20 Gerichten wählen, die tiefgekühlt vorrätig sind, und selbstverständlich schön angerichtet ausgegeben werden,  wie  Dieter Selzer, der die Begegnungsstätte seit fünf Jahren leitet, betont. An jedem Tag der Woche gibt es ein anderes Programm, montags Bingo, dienstags Gesprächskreis, mittwochs Gedächtnistraining, Fußpflege und Strickkreis, donnerstags turnen. Auch stehen manchmal größere Ausflüge auf dem Programm – ein Besuch im Frauenmuseum mit Filmvortrag über die Bonner Altstadt oder eine Busfahrt in den Wuppertaler Zoo.

Füreinander da sein ohne Vereinsamung

P1070795Es ist für viele der einzige Ort, an dem sie in vertrauter Atmosphäre soziale Kontakte pflegen können. Dieter Selzer bietet jeden Tag eine Beratung zu Themen wie Grundsicherung im Alter, ambulante Versorgung oder dem Bonn-Ausweis an. Ehrenamtliche helfen den älteren Herrschaften bei Besorgungen. Auch die Besucher erledigen kleinere Aufgaben im Tagesbetrieb der Begegnungsstätte. Für alle ganz besonders wichtig ist die Gemeinschaft – sie sind füreinander da und sorgen sich umeinander. Eine Dame erzählt uns, dass immer jemand nachschaut, wenn einer der regelmäßigen Besucher nicht da ist, ohne sich vorher abgemeldet zu haben.
Dieses Gemeinschaftsgefühl schweißt zusammen und so kam beim mittwochnachmittäglichen Stricken auch die Idee des Strickprotests zustande: “Das ist unsere Art, auf die Situation aufmerksam zu machen und dagegen zu protestieren. Unser stiller Protest. Die älteren Herrschaften können ja nicht mehr mit dem Rollator demonstrieren gehen”, so begründet Frau Kaspari, die ehrenamtlich mit den Senioren strickt und näht, die Aktion. Bis zum Macke-Viertel-Fest am 2. Mai bleibt die Bestrickung der Bäume bestehen, danach läuft die Genehmigung der Stadt aus.

Hoffnung auf Hilfe in letzter Minute

P1070793Die Damen und Herren hoffen, dass ihr Protest Wirkung hat und der Treffpunkt noch gerettet werden kann, schließlich läuft das Ringen um den Erhalt schon seit einem Jahr.  Ende 2014 sollte eigentlich Schluss sein – der Möbelwagen war schon bestellt, als plötzlich doch noch eine Verlängerung gewährt wurde. Was sie ohne die SenTaBlu machen sollen, mögen sich die Besucher noch gar nicht vorstellen. Die Begegnungsstätte in der Breitestraße ist für viele keine Alternative und das nicht nur aufgrund der Entfernung, die für viele Besucher einfach nicht zu bewältigen ist: In der SenTaBlu sind sie mit ihren Nachbarn zusammen und tauschen sich über die Ereignisse im Blumenhof und der Altstadt aus. Den Raum im Blumenhof darf die SenTaBlu exklusiv nutzen und auch gestalten. Die Bilder an den Wänden, die Möbel, alles ist vertraut – der Raum in der Breitestraße wird auch noch für andere Zwecke genutzt, ein gemütliches Einrichten ist daher wohl kaum möglich. Die Senioren können nach dem Mittagessen kurz nach Hause gehen und zum Kaffeetrinken wiederkommen. Es werden auch gemeinsame Feste vorbereitet und gefeiert – so wie das Kirschblütenfest des Blumenhofs am 27. April, das eine eigene, demokratisch gewählte Kirschblütenkönigin hat – sogar ein Mann hat sich dort schon zur Wahl gestellt. Mit den Kindern aus der benachbarten Kita der Kirchengemeinde St. Helena wurde mit Liedern der Frühling begrüßt oder im Advent Märchen gelesen. So treffen dort nicht nur Menschen unterschiedlicher Herkunft aufeinander, sondern auch verschiedene Generationen – ein wichtiger Austausch für Alt und Jung.

Fachliche Gründe für Schließung?

P1070800Ein Wegfall der Begegnungsstätte bedeutet ein alternativloses Wegfallen dieser vielfältigen Aktivitäten und Begegnungen in direkter räumlicher und sozialer Umgebung. Die Gründe können die Besucher und auch wir kaum verstehen. Andere Begegnungsstätten sind für die Stadt wesentlich kostenaufwändiger, für den großen Raum, den die SenTaBlu nutzen darf, muss keine Miete, sondern nur die Nebenkosten gezahlt werden. Nur zwei Personen sind fest angestellt und sollen offenbar zur Begegnungsstätte in der Breitestraße mitgenommen werden, der Rest läuft über ehrenamtliches Engagement. Das Argument, die Schließung habe fachliche Gründe, kann man nach einem Besuch dort auch nicht nachvollziehen. Welche fachlichen Gründen könnten dagegen sprechen, den Menschen in ihrer direkten Umgebung diesen Ort der Begegnung, der Gemeinschaft, der Gemütlichkeit und Geselligkeit zu lassen?

Meine Altstadt Bonn drückt fest die Daumen, dass es doch eine Zukunft für die SenTaBlu geben wird und sich ein neuer Träger findet – wo ist denn beispielsweise das reichste Bistum Deutschlands, wenn man es mal braucht?

Übrigens: Unter dem Motto “Strickt mit, verstrickt SenTaBlu mit Euch und Eurem Viertel” kann noch bis zum Macke-Fest jeder mitstricken, der die Senioren unterstützen möchte – mittwochs ab 14 Uhr in der Begegnungsstätte und samstags auf dem Frankenbadplatz!

Flyer zur Protestaktion

Frauke

Die gebürtige Brilonerin verschlug es vor über zehn Jahren nach Stationen in Australien und Leipzig dorthin, wo sie eigentlich nie hin wollte - ins Rheinland. Und auch nach dem Studium kam die Kulturwissenschaftlerin hier nicht mehr weg. Rückblickend wohl ein Wink des Schicksals, denn inzwischen kann sie sich keinen besseren Ort zum Leben mehr vorstellen als die Bonner Altstadt mit seinen liebenswerten Menschen und Geschichten und dem besonderen Flair. Sauerländerin mit Leib und Seele bleibt sie trotzdem, denn das eine schließt das andere ja nicht aus!

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