Die autofreie Stadt – eine Utopie?

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Besser autofrei: Kirschblütenfest 2015 in der Heerstraße
Der frühe Sonntagmorgen mitten in der Bonner Altstadt vermittelt einen kleinen Eindruck davon, wie es sein könnte: draußen hört man hauptsächlich die zwitschernden Vögel, die den Tag begrüßen, bislang sind nur sehr vereinzelte Autos unterwegs. Die meisten Leute genießen offenbar den freien Tag, schlafen aus, frühstücken. Kein Hupen, kein Vollgasgeben, keine brummenden Motoren vor der roten Ampel direkt vor unserer Haustür und die Möchtegern-Rennfahrer, die sich am Wochenende gern nächtliche Rennen über Kaiser-Karl- und Augustusring oder die Bornheimer Straße liefern, haben ihre PS-starken Oberklassewagen offenbar auch wieder bei der Autovermietung abgegeben. Die Stille überwiegt, das Rauschen der Blätter im Wind, weit entfernt bellt ein Hund. Die Hektik des Alltags ist für viele noch 24 Stunden entfernt und draußen vor der Tür geht alles noch sehr langsam seinen Gang. Auf dem Weg zum Bäcker wechsel ich mehrmals die Straßenseite, ohne nach rechts oder links zu gucken – einfach weil es geht. Keine Autofahrer aus dem Umland auf der Suche nach einem Parkplatz, deren Fahrstil nach der dritten vergeblichen Runde durch das Einbahnstraßen-Labyrinth der Altstadt nicht entspannter wird, keine rücksichtslosen Raser, die offenbar der Meinung sind, dass Fußgänger kein Recht auf Nutzung der Straße haben und diese selbst an Ampeln und Zebrastreifen nur sehr ungern und mit genervten Blicken passieren lassen.

Reclaim the Streets

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Jetzt eine Fahrradstraße: Georgstraße

Es könnte so schön sein! Schon lange träumen wir von einer deutlichen Beruhigung und Reduzierung des Verkehrs in der Altstadt. Wir könnten unsere Kinder ohne Sorge draußen spielen lassen, Bürgersteige wären entsprechend ihrer Bezeichnung wieder für die Bürger da und nicht für Autos. Die Möglichkeit für Gastronome, Parkplätze vor ihren Lokalen in Außenbereiche umzuwandeln, die seit letztem Jahr besteht, war definitiv ein Schritt in die richtige Richtung und bringt an lauen Sommerabenden südländisches Flair in unser Viertel, aber wäre es nicht noch angenehmer, wenn einem die Autos beim Essen nicht fast über den Teller fahren? Auch die Umwandlung der Georgstraße in eine Fahrradstraße als Teil der Umsetzung des gesamtstädtischen Fahrradstraßenkonzepts, das den Weg Bonns zur Fahrradhauptstadt 2020 ebnen soll, ist ein richtiges Signal, wird aber offenbar nicht ausreichend kommuniziert, denn der Sinn der großen Markierungen auf der Fahrbahn scheint sich den meisten Autofahrern nicht zu erschließen.

Adenauerallee oder Rheinpromenade?

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Jakarta Car Free Day

Die Zustände in unserem Viertel sind weiterhin teilweise unhaltbar, als Fahrradfahrer und auch Fußgänger wird man jeden Tag mit den Aggressionen der gestressten oder einfach chauvinistischen Autofahrer konfrontiert. Abdrängen, dichtes Auffahren von hinten, um seinem vermeintlich alleinigem Recht auf Straße noch einmal gefährlich Nachdruck zu verleihen, hupen und Beleidigungen – das ist auf den engen Straßen der Altstadt ganz normal. Auf dem Rad rechne ich schon gar nicht mehr damit, dass mir die qua Straßenverkehrsordnung zustehende Vorfahrt gewährt wird, sondern muss immer erstmal davon ausgehen, dass ich übersehen oder als gleichberechtigter Verkehrsteilnehmer bewusst ignoriert werde.

Außerhalb der Altstadt wird es dann noch schlimmer. Nehme ich ausnahmsweise den Weg über die Adenauerallee ins Büro, bereue ich diese wenige Minuten im Vergleich zur Route über die Rheinpromenade einsparende Entscheidung sofort. Dicht an dicht wälzen sich die Autos in beiden Richtungen langsam voran, die Autofahrer schimpfen über den vielen Verkehr, dessen Ursache und Bestandteil jeder einzelne von ihnen selbst ist, Abgase hängen schwer in der Luft und sorgen bei mir am frühen Morgen für Übelkeit. Selbstverständlich ist klar, dass nicht jeder das Privileg hat, mit dem Rad, der Bahn oder zu Fuß zur Arbeit zu kommen und auf das Auto angewiesen ist, aber ein Großteil der Autos auf der Straße hat ein Bonner Kennzeichen, kommt also aus dem Stadtgebiet. Das verstärkt den Eindruck, dass viele Pendler das Auto immer noch aus Bequemlichkeit und Gewohnheit wählen, nicht aus Mangel an praktikablen Alternativen.

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Autofreies Amsterdam

Denn die gibt es: Bonn ist ein Dorf mit einer U-Bahn, Hauptstadtvergangenheit sei dank. Der öffentliche Nahverkehr ist verhältnismäßig gut ausgebaut und vom Zentrum erreicht man die meisten Orte in der Stadt in etwa 20 Minuten auf dem Rad. Außer dem Venusberg gibt es auch keine nennenswerten Steigungen, die man nicht nach ein bisschen Gewöhnung problemlos meistern könnte und ich glaube, es fehlt oft einfach der gute Wille und auch die eigene Reflektion über Sinn und Unsinn des Autogebrauchs. Und so sind die Straßen voll, die Ränder zugeparkt, das Stadtbild wird von fahrenden und parkenden Autos dominiert und wir nehmen es achselzuckend hin oder halten es für normal, weil die Alternative kaum vorstellbar scheint. Städte sind für Autos geplant, nicht für Menschen, seitens der Politik wird bislang meist mit dem weiteren Ausbau der Straßen und der Errichtung neuer Tiefgaragen und Parkhäuser in der Innenstadt reagiert anstatt mit weitsichtigen und nachhaltigen Innovationen.

Alternativen sind keine Utopien

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Paris autofrei

Dabei gibt es weltweit immer mehr Städte, die Alternativen ausprobieren. Paris erstickt seit Jahrzehnten im Smog und machte am letzten Sonntag einen ersten vorsichtigen Schritt: von 11 bis 18 Uhr dürfen nur Busse, Taxis, Schwerbehinderte und Anlieger auf die Straße und dabei eine Höchstgeschwindigkeit von 20 km/h nicht überschreiten. Neun Arrondisements machten mit bei diesem Experiment, das auf eine langfristige Verbannung der meisten Fahrzeuge aus dem  Pariser Stadtgebiet vorbereiten soll, ein eingeschränktes Fahrverbot in den vier zentralen Bezirken an Wochenenden besteht offenbar schon länger.

Bis 2020 will die Pariser Bürgermeisterin 100 Millionen Euro bereitstellen, um den Fahrradverkehr in Frankreichs Hauptstadt zu fördern: Ausbau der Fahrradstraßen und -wege, Aufbau eines Verleihsystems für Elektrofahrräder und eine Reduzierung der Anzahl der Privatautos. Ziel ist die Verbesserung der Lebensqualität für Bewohner und Besucher – durch sauberere Luft und einen entspannteren Stadtalltag. Zusätzlich hält es fit, möglichst viele Wege mit dem Rad zu machen – langfristig ist das auch volkswirtschaftlich sicherlich ein überzeugendes Argument.

Konsequente Förderung nachhaltiger Mobilität in Vitoria-Gasteiz

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Straßenbahn in Vitoria-Gasteiz

Andere Städte sind schon mutiger, wahrscheinlich auch weil die Leidenschaft fürs Automobil sicherlich nicht überall so tief der Gesellschaft verankert sind, wie in den Autonationen Deutschland und Frankreich. In der baskischen Stadt Vitoria-Gasteiz wird seit 2009 konsequent ein Plan zur Förderung nachhaltiger Mobilität umgesetzt. Vierspurige Straßen wurden zurückgebaut und in Tempo 30-Zonen umgebaut, eine Straßenbahn in Betrieb genommen, ein dicht getaktetes Busliniennetz angelegt, 150 km Radwege gebaut, Fahrradständer aufgestellt und Parkstreifen in Flaniermeilen und Grünstreifen umgewandelt. Radfahrer haben Vorrang und geben das Tempo vor, die ganze Stadt ist ruhiger und entschleunigter geworden. Das hat der Stadt im Jahr 2012 den Titel “European Green Capital” eingebracht und in Anbetracht der Finanzkrise, die Spanien und auch die Autonome Region Baskenland schwer getroffen hat, hat auch das übliche Argument, so etwas sei zu teuer, einiges an Überzeugungskraft verloren. Und mit 240.000 Einwohnern ist Vitoria-Gasteig durchaus der Größenkategorie unserer schönen Bundesstadt zuzuordnen.

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Vorher – nachher: Megacity Peking

In der Megacity Peking, in der der Leidensdruck sicherlich eine mit Europa nicht zu vergleichende Dimension erreicht hat, haben die Behörden diesen Sommer zwei Wochen lang den Verkehr extrem reguliert – um die  Parade anlässlich der 70. Jahrestages des Endes des zweiten Weltkriegs bei blauem Himmel begehen zu können, anstatt durch die dichte Smogwolke zu marschieren, die üblicherweise über der Stadt liegt.  Die Bewohner, die häufig nur mit Mundschutz auf die Straße gehen, um zumindest zu versuchen die gesundheitlichen Folgen der verpesteten Luft etwas abzuschwächen,  sahen zum ersten  Mal seit langem blauen Himmel und die Skyline der Stadt, die sonst im Dunst versinkt.

Ecomobility Festival

ecomobilitySuwon, 45 Kilometer südlich von Seoul hat 2013 für vier Wochen alle Fahrzeuge mit Verbrennungsmotoren von den Straßen verbannt – das Ecomobility Festival sollte dafür sensibilisieren, dass wir uns in naher Zukunft von der Mobilität auf Basis fossiler Brennstoffe verabschieden müssen. Das Stadtviertel, indem es umgesetzt wurde, besteht aus altem Häuserbestand mit engen Straßen und hat unter hoher Verkehrsbelastung zu kämpfen. Noch dazu gehört es zu den ärmeren Gegenden der Stadt und sollte so auch attraktiver gemacht werden. Korea hat mit Kia und Hyundai zwei der größten Autohersteller der Welt, nur 1,5 % der Wege werden im Land mit dem Fahrrad zurückgelegt. So kam der anfangs enorme Protest der Anwohner wohl kaum überraschend. Doch bald schon erkannten sie die Vorteile des autofreien Viertels, wie die Ruhe im Viertel und die Spielmöglichkeiten für Kinder und begannen das Festival in Eigeninitiative zu unterstützen. Blumenbeete wurden angelegt, Straßenlaternen errichtet und die Gehwege verbreitert. Eine Million Besucher kamen während des vierwöchigen Festivals in den Stadtteil, der für kurze Zeit zum Symbol für grünen Verkehr” wurde. Und obwohl danach schnell wieder alles seinen gewohnten Gang ging und der Verkehr wieder durch das Viertel rollt, sind die Wirkungen des Versuchs noch zu sehen. Es wurde ein Parkplatz zur Freifläche für Kinder deklariert, die breiteren Wege, Blumenbeete und Straßenlaternen sind geblieben. Und der Erfolg hat auch andere Städte inspiriert – vom 1.-31. Oktober 2015 findet das Festival in Johannesburger Stadtteil Sandton statt. In Berlin scheiterten die Planungen für ein Ecomobility Festival am Prenzlauer Berg leider am großen Widerstand der Anwohner und der Politik.

Der Tag des guten Lebens

Andernorts wird das Konzept der autofreien Stadtteile mit guter Resonanz ausprobiert. In Köln findet seit letztem Jahr der “Tag des guten Lebens” statt, zunächst in Ehrenfeld und dieses Jahr in Sülz wurden in den jeweiligen Vierteln der Großteil der Straßen gesperrt und die Anwohner veranstalteten ein gemeinsames Nachbarschaftsfest. Wie schön das sein kann, zeigt der Film vom Tag des guten Lebens in Sülz.

Fängt man einmal mit der Recherche an, merkt man schnell, dass die Idee der autofreien oder zumindest verkehrsberuhigten Stadtteile oder Innenstädte keine Utopie mehr ist. Amsterdam, Toronto, Kopenhagen…Rund um die Welt wird an der Mobilität und Stadtplanung der Zukunft experimentiert, warum also nicht auch in Bonn?

Bonn ist Heimat des Erfinders des Ecomobility Festivals

RGB-300dpiAuch auf politischer Ebene, national wie international gibt es Unterstützung, viele Initiativen, Netzwerke, Regierungsprogramme und NGOs arbeiten schon eine ganze Weile an der Implementierung alternativer Verkehrskonzepte. Eine der in diesem Bereich engagiertesten Initiativen, das Netzwerk ICLEI – Local Governments for Sustainability hat ihren Hauptsitz in Bonn und fördert nachhaltige Stadtentwicklung weltweit. Die Idee zum Ecomobility Festival beispielsweise stammt aus der Feder des Netzwerks. Am letzten Wochenende beschlossen die Vereinten Nationen die Sustainable Development Goals als 15jähriges Folgeprogramm der Millennium Development Goals, die Nachhaltigkeit und Klimaschutz fest in den Direktiven verankert haben. Die Konferenz der Vereinten Nationen über Umwelt und Entwicklung, weithin als Rio-Konferenz bekannt, brachte 1992 wichtige Nachhaltigkeits- und Entwicklungsprozesse auf den Weg. Seit 1994 haben über 2.400 Kommunen die Lokale Agenda 21 unterzeichnet, die die Ziele der in Rio verabschiedeten Agenda 21 auf kommunaler Ebene erreichen möchte.

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Bei steigenden Besucherzahlen unvermeidlich: eine autofreie Altstadt während der Kirschblüte

Die UN-Dekade “Bildung für nachhaltige Entwicklung” hat in den letzten zehn Jahren viel unternommen, um Nachhaltigkeitsgedanken weltweit in der Bildung zu verankern und wird von 2015-2020 durch das Weltaktionsprogramm “Bildung für nachhaltige Entwicklung” fortgesetzt. In Deutschland engagiert sich der Verkehrsclub Deutschland (VCD) seit Mitte der 1980er Jahre für sozial- und umweltverträgliche Mobilität.
Diese Liste ließ sich noch lange weiterführen, schön wäre es nur, wenn wirtschaftliche und machtpolitische Interessen die Energie, die in die Verbesserung der momentanen Zustände gesteckt wird, nicht oftmals verpuffen ließen.

Montagmorgen dann kam das allwöchentliche Aufwachen aus dem Tagtraum vom Sonntag: verstopfte Straßen, schlechte Luft, aggressive Stimmung im Verkehr. Dabei könnte es doch so schön sein….

 

Frauke

Die gebürtige Brilonerin verschlug es vor über zehn Jahren nach Stationen in Australien und Leipzig dorthin, wo sie eigentlich nie hin wollte - ins Rheinland. Und auch nach dem Studium kam die Kulturwissenschaftlerin hier nicht mehr weg. Rückblickend wohl ein Wink des Schicksals, denn inzwischen kann sie sich keinen besseren Ort zum Leben mehr vorstellen als die Bonner Altstadt mit seinen liebenswerten Menschen und Geschichten und dem besonderen Flair. Sauerländerin mit Leib und Seele bleibt sie trotzdem, denn das eine schließt das andere ja nicht aus!

2 Kommentare

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  • Es gibt ja z.B. auch einige autofreie Inseln in der Nordsee, dort kann man sich viel abgucken. Die Insulaner sind viel mit Handkarren unterwegs, die überall herumstehen, mit dem Namen des Hauses zu dem sie gehören.
    Viele haben Elektrobikes, Fahrräder oder gehen zu Fuß. Größere Dinge werden per Pferd und Kutsche transportiert, bzw es gibt Taxis auf Hufen.
    Der Inselarzt, die Feuerwehr und das Rote Kreuz sind die einzigen “echten” Autos.

    Auf dem Festland gibt es ja noch alternativ öffentliche Verkehrsmittel auf Schienen, man kann sich trotzdem sicher vieles von den Insulanern abgucken…

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