Der Platz am Frankenbad – über die Bedeutung eines Ortes

Für viele der Lieblingsort in der Altstadt

Schön ist er nicht. Das Grau in Grau der Waschbetonplatten wird von den spärlichen Grünflächen kaum aufgelockert. Die vor vielen Jahren angelegte Boule-Bahn ist nicht mehr als solche zu erkennen und auch der Spielplatz hat bessere und sauberere Zeiten gesehen. Das Frankenbad selbst, zum Zeitpunkt seiner Eröffnung eines der “modernsten Schwimmbäder Europas” und heute unter Denkmalschutz stehend, könnte wirklich etwas von dem Geld gebrauchen, das die Stadt für den Bau eines Festspielhauses für den guten alten Ludwig Van verplant. Überquert man den Platz an einem verregneten Herbsttag, kann man sich kaum vorstellen, dass der Frankenbadplatz, wie ihn die Bewohner nennen, für viele einer der Lieblingsorte in der Altstadt ist.

Der Caféroller am Frankenbad
Caféroller am Frankenbad

Der Platz, der ursprünglich Adolfplatz (benannt nach dem Anfang des 20. Jahrhunderts in Bonn lebenden Prinz Adolf zu Schaumburg-Lippe) hieß, ist das soziale Zentrum unseres wunderbaren Stadtteils. Hier wird geredet, gelacht, diskutiert, gelesen, gesungen und getanzt – mit Freunden oder Menschen, die man vorher überhaupt nicht kannte. Die Nachbarschaft verbindet und Freundschaften entstehen. Man trinkt beim Kaffeeroller den leckersten Kaffee der Stadt oder holt sich bei “Ali” oder “Marius” was zu trinken und lässt sich auf einem der Steine nieder. Auf den Bänken genießen die Altstädter im Frühling die ersten Sonnenstrahlen. Kinder toben auf dem Spielplatz, es wird gekickt oder Basketball gespielt.

Der Bücherschrank sorgt für Lesestoff-Nachschub, wenn man die Tageszeitungen am Roller durchgelesen hat. Im Sommer wird gemeinsam draußen gegessen oder gegrillt. Zwischen den Bäumen werden Slacklines oder Hängematten gespannt. Man trifft sich dort, ohne sich zu verabreden. Irgendjemand ist immer da, irgendjemand hat immer Neuigkeiten. Es ist wie der Marktplatz eines Dorfes. Ein Ort von enormer Wichtigkeit für unseren Stadtteil.

Jeder ist willkommen

Man trifft nicht nur “Seinesgleichen”, sondern kennt auch die Junkies mit Namen, macht sich Gedanken, wenn einer von ihnen eine längere Zeit nicht auftaucht. Junge Familien, Studenten, Rentner, Menschen aller sozialen Schichten und jeden Alters verbringen dort ihre Zeit. Ganz selten nur eskaliert mal eine Situation, sorgt das bunte Durcheinander für Konflikte. Man hört alle möglichen Sprachen, die Altstadt ist durch und durch international. Jeder ist willkommen, solange er dort nicht randaliert, andere beleidigt oder gefährdet. Man kommt mit Leuten ins Gespräch, an denen man vielleicht sonst vorbeilaufen würde, erfährt Lebensgeschichten, die einen seine Sicht auf manche Dinge überdenken lassen.

Galadinner am Frankenbad - Foto: Jo Hempel Photography
Galadinner am Frankenbad – Foto: Jo Hempel Photography

Wenn die Eltern mal einen kurzen Moment nicht aufmerksam sind, sprintet bestimmt jemand anderes los, um das Kind wieder einzufangen, bevor es auf die Straße läuft. Schmeißen Leute ihre Kippen ins Gras oder auf den Spielplatz, gibt es immer wieder Menschen, die sie darauf hinweisen, dass sowas nicht ok ist. Dass der Platz nach einer lauen Sommernacht oft wüst aussieht, lässt sich wohl trotzdem nicht komplett vermeiden. An dieser Stelle gibt es mal einen fetten Dank an Damen und Herren von der Stadtreinigung, die an sechs Tagen in der Woche dafür sorgen, dass keine Scherben und kein Müll mehr rumliegen. Aber auch viele Besucher des Platzes beseitigen immer wieder mit Besen und Kehrschaufel die Spuren der letzten Sommernacht. Abends bekommt man immer wieder mit, dass Grüppchen, die nach ein paar Bier vergessen, dass nicht jeder im weiteren Umkreis ihren Musikgeschmack teilt oder an ihren Gesprächen teilhaben möchte, von anderen im Sinne eines guten Miteinanders darauf hingewiesen werden.


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Die Bänke waren von zweifelhaften Pärchen, von arbeits- und lichtscheuem Gesindel und dergleichen belagert

Man fühlt sich verantwortlich, für den Platz und seine Menschen – für seine Nachbarn. Der Platz als gemeinschafts- und identitätsstiftendes Element unseres Stadtteils lebt, funktioniert und prägt das Leben in der Altstadt. Und er ist untrennbar mit der Geschichte des Viertels verbunden. Als die Nordstadt Ende des 19. Jahrhunderts immer weiter wuchs, hat man den Frankenbadplatz wohl nicht bebaut, um Platz für Erholung, Freizeit und Aufenthalt zu lassen. Man stellte Bänke auf, bepflanzte den Platz, Zirkusse gastierten oder überwinterten direkt dort. Die Kinder des Stadtteils freuten sich über Fahrgeschäfte, die oft wochenlang auf dem Platz standen, im Winter wurde er sogar zum Eislaufen und Schlittenfahren genutzt. Er war das Zentrum des neu entstehenden Stadtteils und des sozialen Lebens, genau so wie heute. Und es gibt weitere Parallelen: Schon in den 1920er Jahren gab es Unmut über das Treiben auf dem Platz, das war häufig Gegenstand von Diskussion in Presse und Stadtverwaltung. Anliegende Unternehmer beschwerten sich damals, dass der  Platz “bald nach Ausbruch der Dämmerung von anständigen Menschen nicht mehr passiert werden konnte. Die Bänke waren von zweifelhaften Pärchen, von arbeits- und lichtscheuem Gesindel und dergleichen belagert.”  Auf immer größeren Druck der Beschwerdeführer wurden die Bänke wieder abgeschafft, um dem zweifelhaften Treiben nach der Dämmerung ein Ende zu bereiten. Ab 1925 beherbergte der Platz übergangsweise den Lebensmittelgroßmarkt. Im Anschluss wurde er als Parkplatz für Pferdefuhrwerke und Autos genutzt. 1940 wurde unter dem Platz ein öffentlicher Luftschutzraum gebaut, zwei Jahre später ein großes Löschwasserbecken errichtet. Dort, wo heute der Penny steht, war während des zweiten Weltkriegs ein Lager für russische, französische und italienische Kriegsgefangene, auf dem Platz fanden Aufmärsche der SA statt.

La Dolce Vita am Frankenbad

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Galadinner am Frankenbad – Foto: Jo Hempel Photography

Anfang der Sechziger Jahre wurde dann eben ein Schwimmbad gebaut, das einer Bundesstadt würdig war – mit Gastronomiebetrieb und Innenhof zum Sonnenbaden. Im Zuge des Baus wurde auch der Platz umgestaltet, Eingang und Vorplatz des Schwimmbades wurden bewusst zur ruhigen Adolfstraße ausgerichtet und nicht zum vielbefahrenen Hochstadenring. So sollte der Platz als Aufenthaltsort für die Bewohner attraktiv gemacht werden. Und attraktiv ist er. Nicht unbedingt nach ästhetischen Gesichtspunkten. Seine Attraktivität liegt in seiner Lebendigkeit, seinem Flair, das einen im Sommer trotz des Waschbetons ein bisschen mediterranes Lebensgefühl spüren lässt. Seine Attraktivität liegt in den Menschen, die den Platz prägen, in den Geschichten, die dort passieren, in seiner Funktion als Begegnungsort, Spielplatz, Treffpunkt, Freiraum und Zentrum unserer Bonner Altstadt.

Und das muss er unbedingt bleiben. Auch wenn es einige Wenige gibt, denen dieser belebte Ort und seine Besucher nicht passen. Einige Wenige, die das Leben auf dem Platz mit Argwohn betrachten und die einen erneuten Rückbau des Platzes und eine Nutzung als Parkplatz bestimmt begrüßen würden. Für manche Beschwerden kann man sicherlich Verständnis aufbringen, Müllberge und nächtliche Beschallung sehen auch die Altstädter, die Zeit auf dem Platz verbringen, nicht gern. Es wäre nur sicherlich konstruktiver gewesen, den Dialog zu suchen, anstatt sich einen Anwalt zu nehmen, um gegen die Reggaeparty am Rosenmontag und das Leben auf dem Frankenbadplatz generell vorzugehen.

Hoffen wir, dass auch diese Menschen irgendwann die Schönheit des Platzes erkennen und seine Wichtigkeit für die Altstadt verstehen.

 

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Frauke

Die gebürtige Brilonerin verschlug es vor über zehn Jahren nach Stationen in Australien und Leipzig dorthin, wo sie eigentlich nie hin wollte - ins Rheinland. Und auch nach dem Studium kam die Kulturwissenschaftlerin hier nicht mehr weg. Rückblickend wohl ein Wink des Schicksals, denn inzwischen kann sie sich keinen besseren Ort zum Leben mehr vorstellen als die Bonner Altstadt mit seinen liebenswerten Menschen und Geschichten und dem besonderen Flair. Sauerländerin mit Leib und Seele bleibt sie trotzdem, denn das eine schließt das andere ja nicht aus!

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